Wurde Christian I. von Sachsen, Erbauer des schönsten Stallgebäudes der Welt, ermordet?

Ein frisch veröffentlichtes Buch über das Dresdner Johanneum, ‚Kurfürstlicher Stall und Stallhof Dresden‘, wirft einen völlig neuen Blick auf dessen Erbauer, Kurfürst Christian I. und weckt Zweifel an den Gründen seines Ablebens.

Während man bisher davon ausging, dass er an einem Magenleiden starb, ergibt sich nach Sicht der Autorinnen der Verdacht auf einen politisch und religiös motivierten Mord und dies dürfte damit bei den Sachsen Interesse erwecken.

Christian ist den Dresdnern heute meist nur von dem verfälschend romantisierenden Bild im Stallhof bekannt, wo er als Ritter dargestellt ist. Sein Verdienst ist jedoch nicht der um die Turnierkunst, sondern, wie in dem neuen Buch dargestellt wird, um die modernere Reitkunst. Sein Stallgebäude, gebaut ab 1586, war der spektakulärste Stall-Palast seiner Zeit und das erste Museum der Neuzeit. Der davorliegende Stallhof erweist sich als Ringstechbahn und nicht, wie viel zu oft vermutet, als Bahn für ritterliche Scharfrennen.

Christians tiefe Abneigung gegen das religiöse Eiferertum seiner Zeit wurde ihm jedoch, wie es scheint, zum Verhängnis und er regierte letztendlich nur 5 Jahre. Der junge Kurfürst, so vermutete man zumindest zu seiner Zeit, tendierte zum Calvinismus. Viele einflussreiche Männer an seinem Hof und vor allem seine Frau Sophie waren jedoch Lutheraner.

Hinzukommt, dass ihm seine brandenburgische Angetraute ihm wohl auch aus anderen Gründen nicht hold war. Sie hatte ihn in arrangierter Ehe mit 14 Jahren geheiratet, hatte danach ein Jahr um das andere 7 Kinder geboren. Von Liebe konnte keine Rede sein.

Schon in den ersten Jahren seiner Herrschaft hatte Christian, statt sich seines gigantischen Prachtstalls und seiner italienischen Reitkunst-Pferde zu erfreuen, gegen erhebliche religiöse Anfeindungen zu kämpfen. Diese waren in jenem Moment so groß, dass während des Gottesdienstes alle Straßen von Dresden mit Ketten blockiert werden mussten.

Gereizt durch Christians Mandate von 1585 und 1588, mit denen er das Lästern und Schelten von der Kanzel verbot, griffen ihn führende lutherische Kleriker an und fanden am Hof bei seiner Ehefrau Unterstützung. Ende Januar 1591 ließ Christian sodann seine Tochter Dorothea ohne die bis dahin gebräuchliche Exorzismusformel taufen und es gab einen Skandal, da man dies als Schritt in Richtung Calvinismus empfand.

Um sein Leid zu vergessen, betrank Christian sich oder kapselte sich ab. Schon bald litt er zunehmend an Magenproblemen, vielleicht verursacht durch Stress und Alkohol, wahrscheinlicher aber, weil man ihm Gift ins Essen mischte. Es scheint, Christian wusste, was ihm drohte. Ein englischer Reisender, Fynnes Morison, schrieb 1591 vom Dresdner Hof: „Christian, der Kurfürst […] mag die Einsamkeit und ist nur selten in der Öffentlichkeit zu sehen, und noch seltener erlaubt er Fremden, in seiner Gegenwart zu weilen, besonders dann nicht, wenn er bei Tisch sitzt und isst (im Gegensatz zum Brauch der Fürsten aus dem Hause Österreich).“

Ob Christian mit nur dreißig Jahren an Magenkrebs starb, wie der sächsische Hof später schwor, oder man ihn, wie von seinen Freunden beklagt, ermordete, ist nicht erwiesen. Aber es scheint, es ist gut möglich, dass ihn die lutherische Fraktion mit Arsen beseitigte, um einen gefürchteten Einfluss der Calvinisten zu verhindern.

Die erste Verdächtige wäre in diesem Fall seine streng lutherische Ehefrau Sophie, die nach seinem Tod zusammen mit dem lutherischen Ernestiner Konkurrenten Christians, Friedrich Wilhelm von Sachsen-Weimar, die Regentschaft übernahm. Vieles in ihrem Betragen spricht dafür.

Sophie von Brandenburg, Ehefrau Christian I.

Kaum hatte Christians Hofprediger seine, bereits in diesem Moment heftig zensurierte, Leichenrede gehalten, verhaftete man auf Befehl Sophies den engsten Ratgeber und Kanzler Christians, Nikolaus Krell, und wenig später auch den Geistlichen selbst. Christians nur wenige Jahre zuvor erworbenen prächtigen Pferde wurden an die Begräbnisgäste verschenkt und das Personal des Stallgebäudes auf ein Mindestmaß reduziert. Zugleich veröffentlichte man schwülstige, der Witwe Sophie gewidmete, Leichenreden, in denen man beteuerte, wie gottergeben und friedlich Christian I. gestorben sei. Sie klingen nach eiliger Unterwerfung unter die Sieger im internen Machtkampf. Sophie zog wenig später nach Colditz, wo sie sich als erstes eine Apotheke einrichtete. Die Kenntnisse hatte sie von einem Scharlatan, der am väterlichen Hof in Brandenburg gewirkt hatte und es ist gut möglich, sie wusste auch Gift zu mischen und zu nutzen.

Die Folgen des Todes von Christian waren tiefgreifend. Der kurfürstliche Hof verwaiste. Der unglückliche Kanzler Krell wurde nach 10 Jahren im Kerker hingerichtet.

Christian I. Prunkstall, das heutige Johanneum, verblieb als Zeugnis seines Wunsches nach Macht und südlichem Prunk in einer Atmosphäre, die den verheerenden dreißigjährigen Krieg ankündigte. Es überdauert heute als Johanneum und man hofft auf seine Restaurierung und Zurückführung seiner Nutzung als Pracht-Stall. Das erste Museum der Neuzeit hätte es verdient.

Das neue Buch, das den Werdegang des Gebäudes beschreibt und auch als e-book angekündigt ist, wirft ein völlig neues Licht auf das im Schatten stehende Stallgebäude. Seine Vergangenheit, so zeigt sich, ist spektakulär und es lohnt sich nicht nur wegen der Mordgeschichten, das Buch zu Lesen.

U.C. Ringuer

Buch: „Kurfürstlicher Stall und Stallhof Dresden“, ArtEquestre, Dr. Ulrike Ortrere und Christine Voigtmann, 2024

Hardcover in Farbe 56,70 EUR; E-Book 5,99 EUR

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