Die Frauenstatuen von Herculaneum – Ein Vorschlag zur Kontextualisierung

Christine Voigtmann, Ulrike Ortrere

Es ist in der Geschichte der Menschheit eher ungewöhnlich, dass bedeutende Veränderungen nicht durch kriegerische Auseinandersetzungen, sondern durch Enthusiasmus hervorgerufen werden. Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet die Entdeckung des italienischen Bauern Ambrogio Nocerino,[i] der, während er im verschlafenen Küstenstädtchen Resina[ii] zu Füßen des Vesuvs einen Brunnen in seinem Garten grub, auf bearbeiteten Marmor stieß – in etwa 20 Metern Tiefe, im harten Tuffgestein. Dies sollte nicht nur lokale Aufmerksamkeit erregen, sondern sorgte letztendlich europaweit für helle Begeisterung, als sich herausstellte, dass es sich um das Theater der römischen Stadt Herculaneum handelte (Fig. 2).

Genauso selten wie die Resultate dieser europaweiten Euphorie[iii] ist es, dass wissenschaftliche Arbeiten mit einer emotionalen Erhebung beginnen. Unsere Intention ist es jedoch, genau diese emotionale Dimension in den Blick zu nehmen, die zu oft bei der wissenschaftlichen Betrachtung von archäologischen Funden und vor allem bei ihrer Präsentation in Museen zu kurz kommt.

Was der Bauer Nocerino nach Rücksprache mit Emmanuel Maurice von Lothringen, dem nahebei an seiner Villa (Fig. 3) bauendem Herzog von Elbeuf, aus der Tiefe zog,[iv] ist heute Teil der Dresdner Skulpturensammlung. An einer Wand sind dort drei überlebensgroße Frauenstatuen aus Marmor ausgestellt. Diese werden als ‚Herkulanerinnen‘,[v] als Frauen aus Herculaneum bezeichnet, doch die Informationen, die zu ihnen vermittelt werden, gehen kaum über diese Notiz hinaus.

Gerade diese Statuen (Fig. 1) verdienen jedoch aufgrund ihrer außergewöhnlichen Bedeutung für die Entstehung der modernen Archäologie, aber auch für die Geschichte der Menschheit eine Kontextualisierung. Ihre Entdeckung und spätere Präsentation bieten nicht nur einen wichtigen Einblick in die antike Kunstfertigkeit oder den Wert von – zugegebenermaßen hochwertig – bearbeitetem Marmor, sondern auch in die frühen Phasen der Archäologie als Wissenschaft, die, beginnend mit diesen Funden, eine neue Ära des wissenschaftlichen Denkens und der systematischen Forschung einläuteten.

Es war die sensationslüsterne Begeisterung über die Fundsituation in der dunklen Tiefe, die Geschichte der tragischen Zerstörung der Stadt und die weisen Entscheidungen Karl III. von Bourbon und seiner Frau Maria Amalia von Sachsen, die die Archäologie begründeten.

Lassen Sie uns näher hierauf eingehen.

Die Umstände der Entdeckung

Während Pompeji heute durch seine umfangreiche Ausgrabung beim weiten Publikum bekannter ist, bleibt der Großteil von Herculaneum noch immer tief im steinharten Tuff begraben. Weniger als ein Viertel der antiken Stadt wurde bisher freigelegt. Noch immer[vi] liegen reiche Villen, vollständige Tempel und antike Bibliotheken[vii] unter der Erde, sozusagen als versteinerter Schnappschuss des Lebens im alten Rom.

Die Unterschiede in der Art der Verschüttung der beiden Städte sind dabei für die beschränkte Ausgrabung ausschlaggebend: Während Pompeji hauptsächlich unter einer dichten Ascheschicht begraben wurde, wurde Herculaneum von mehreren intensiven pyroklastischen Strömen überrollt. Diese extrem heißen, schnell fließenden Gesteins- und Gaswolken begruben die Stadt unter Tonnen von Schlamm und Asche. Aufgrund der Aushöhlung des Bodens nach dem Ausbruch senkte sich die Erde unter Herculaneum zudem um etwa vier Meter ab, und das Meer wurde durch die Hebung des Meeresbodens aufgrund des Lavaeinflusses um etwa 400 Meter vom antiken Strand zurückgedrängt.

Die Geschichte der modernen Archäologie ist nichtsdestotrotz untrennbar mit der Entdeckung des wesentlich schwerer zugänglichen Herculaneums verbunden – eine Entdeckung, die im Jahr 1709 erfolgte und damit lange vor derjenigen Pompejis erfolgte.

Der beim Graben eines Brunnens gemachte Fund führte zu einer bemerkenswerten Kette von Ereignissen, die die wissenschaftliche und kulturelle Wahrnehmung der Antike revolutionieren sollten. Wie erwähnt, verkaufte der Finder, der Bauer Ambrogio Nocerino, den ersten entdeckten Marmor an Emmanuel Maurice von Lothringen, den Herzog von Elbeuf, der in der Nähe eine, heute als Ruine fortbestehende Villa errichten wollte. Angespornt von diesem ersten Fund, ließ der Herzog weitere Grabungen in enormer Tiefe im Tuff durchführen. Dabei wurden Tunnel geschaffen, die schließlich drei überlebensgroße Marmorstatuen zutage förderten.

Die Entdeckung dieser „Herkulanerinnen“ – dreier Frauenstatuen, die später in kunsthistorischen Debatten zentrale Bedeutung erlangen sollten – markierte trotz des anfänglich schatzsucherischen Ansatzes den Beginn eines neuen Zeitalters in der Erforschung der Antike. Der Herzog ließ die Statuen hastig bergen, in Tücher wickeln und als Geschenk und zur Begleichung finanzieller Verpflichtungen an Eugen von Savoyen senden. Von diesem wurden sie mit Enthusiasmus empfangen. Die Statuen wurden in der Sala terrena des unteren Belvedere in Wien aufgestellt[viii] und später von August dem Starken, dem Kurfürsten von Sachsen, für seine Sammlungen erworben.[ix]

Ihre Ausstellung erregte Aufsehen und nach der Einnahme Neapels durch die Spanier befahlen der neue neapolitanische König Karl III. von Bourbon und seine Frau Maria Amalia von Sachsen, eine Enkelin Augusts des Starken, systematische Ausgrabungen. Dabei ging es anfänglich unter dem Spanier Roque Joaquín de Alcubierre[x] lediglich um die Bergung von Kunstwerken. Noch heute sieht man die Löcher in den Wänden der Gebäude Herculaneums, wo dessen Arbeiter unter härtesten Umständen in Kälte und Dunkelheit Fresken aus den Wänden gehackt haben. Die Idee, dass diese Wände jemals wieder das Licht der Welt erblicken könnten, wurde als zu abwegig empfunden.

Der Schweizer Karl Weber übernahm jedoch sodann die Grabungen und begann, erste archäologische Aufzeichnungen vorzunehmen. Eine beeindruckend genaue Karte der Villa der Papyri von seiner Hand überdauert.

Die Geschichte dieser Grabungen ist heute weitgehend vergessen, sie waren jedoch ein atemberaubendes Kapitel der Geschichte der versunkenen Stadt. Sie erfolgten zwischen 20 und 30 Metern unter der Erde und es kam während ihrer Dauer wiederholt zu Vulkanausbrüchen. Giftige Gase füllten die Tunnel und stiegen durch die Grabungsschächte in die darüberliegenden Wohnhäuser, wo es Todesfälle gab. In der Tiefe kam es zu einer Explosion der Grubengase, zu Wassereinbrüchen, Erblindungen und Skorbut.[xi] Weber selbst starb letztendlich an den Zuständen der Suche unter Tage.

Das Fehlen von Aufzeichnungen über die Grabungen Alcubierres, das Vorhandensein alter römischer Bergungstunnel[xii] und die Tatsache, dass auch die lokale Bevölkerung auf Schatzsuche ging, machte die Suche in der Tiefe zudem zum Vabanque-Spiel. Immer wieder stürzten Tunnel ein. Man verfüllte den einen Gang, um den nächsten zu graben und vergaß sein Vorhandensein.

Trotz der heute unvorstellbaren, lebensgefährlichen Zustände unter Tage wurden die Arbeiten in größer Hast weitergeführt. Ganz Europa beneidete den König von Neapel um seinen Schatz und dieser hütete ihn gegen jeden Eindringling, aber auch gegen jeden fremden Wissenschaftler, wie etwa Johann Joachim Winkelmann.

Man fand nicht nur prachtvolle Wandmalereien, sondern auch Alltagsgegenstände von unschätzbarem Wert. Von besonderem Interesse war dabei die sogenannte Villa der Papyri (Fig. 4, 5, 6), die eine beeindruckende Sammlung antiker Schriften enthielt, die bis heute als bedeutendster Fund einer antiken Bibliothek gilt.

Die unterirdischen Tunnel von Herculaneum wurden schließlich zur Pilgerstätte, und hohe Summen wurden an Schatzsucher und Fälscher gezahlt, um einen Anteil an den begehrten Schätzen zu erhalten. Selbst der Kurator der Stätte verkaufte gefälschte Fresken und wohl auch originale Objekte. Noch heute besitzt daher die französische Nationalbibliothek eine griechische Kuhstatuette aus Herculaneum.

Die Behandlung der Funde war jedoch anfänglich so schlecht, dass es zu Skandalen kam. So sind bis heute empörte Briefe Winkelmanns[xiii] erhalten. Obwohl dessen scharfe Urteile möglicherweise auch von persönlichen Ressentiments motiviert waren, sind sie begründet und stellen sein Urteil seiner Zeit voraus. So kritisierte er, dass die Fragmente von bronzenen Pferden einer Quadriga aus dem Theater von Herculaneum eingeschmolzen wurden, um daraus eine Skulptur des regierenden Königs zu schaffen, sowie das Herausschneiden von Wandgemälden aus den antiken Mauern (Fig. 7, 8), um sie gerahmt transportieren zu können etc. Dieser Kritik folgten Winkelmanns erste wissenschaftliche Berichte in bedeutenden offenen Briefen aus dem Jahr 1762[xiv] und 1764.[xv]

Es war in diesen Grabungen und aus ihrer Kritik, dass die Archäologie geboren wurde.

Die Herkulanerinnen

Kommen wir zurück zu den Statuen in Dresden: Die „Herkulanerinnen“ waren nicht nur der erste archäologische Fund überhaupt. Sie inspirierten Winckelmann auch zu seiner epochemachenden Studie „Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“. In diesem Werk von 1755 widmete er den Statuen, die er für Darstellungen von Vestalinnen hielt, mehrere Seiten und schrieb: „Sie sind die ersten großen Entdeckungen von Herculaneum.“ Mit diesen Worten setzte er die Statuen in einen Kontext, der nicht nur ihre ästhetische Bedeutung unterstrich, sondern auch ihren Einfluss auf die Entwicklung der Kunstgeschichte und Archäologie.

Dies ist viel. Heute müssen wir in ihnen jedoch weit mehr sehen.

Die frühere– und leider bis heute in vielen Museen vorherrschende – Vorgehensweise, Artefakte nach Kriterien wie Größe, Datierung oder finanziellem Wert zu kategorisieren, muss durch die erneute Betrachtung der Funde in ihrem ursprünglichen Kontext, dem Theater von Herculaneum, grundlegend infrage gestellt werden. Ein solcher Ansatz verkennt die vielschichtige historische, emotionale, kulturelle und wissenschaftliche Bedeutung dieser Objekte.

Herculaneum stellt ein imponierendes Zeugnis für die Verflechtung von Naturkatastrophe und Geschichte dar. Die Entdeckungen aus der antiken Stadt waren nicht nur grundlegend für die Entwicklung der Archäologie, sondern trugen auch erheblich zum Verständnis der römischen Welt und zur Entwicklung der Vulkanologie bei. Das erste Zentrum zur Vulkanerforschung wurde in Herculaneum geschaffen. Gleichzeitig dokumentieren diese Funde die Begeisterung, aber auch das Entsetzen, die archäologischen Entdeckungen wecken können, und veranschaulichen, wie die materielle Kultur vergangener Epochen die Menschen berührt.

Die Tragödie, die Herculaneum 79 n. Chr. durch den katastrophalen Ausbruch des Vesuvs traf, zeigt eindrücklich die zerstörerische Gewalt der Natur. Innerhalb von nur 19 Stunden wurde die Stadt vollständig von pyroklastischen Strömen und Schlammlawinen verschüttet. Die glühend heißen Wellen zerstörten Gebäude, rissen deren Dächer ab und schleuderten sie ins Meer. Sie zertrümmerten Mauern und töteten die Bewohner auf grausamste Art und Weise. Die historische und emotionale Dimension dieses Ereignisses ist ebenso beachtenswert wie die daraus resultierenden wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Diese Ereignisse bieten in der Tat einen beunruhigenden Bezug zur Gegenwart. Die Magmakammer des Vesuvs, die Herculaneum zerstört hat, ist noch immer aktiv.

So löste sie in den Jahren 2023 und 2024 durch erhebliche und andauernde seismische Aktivitäten in den Phlegräischen Feldern und der Umgebung von Neapel und Pozzuoli wiederholt Erdbeben aus, die Millionen von Menschen beunruhigten. Der Boden in der Region hat sich seither merklich gehoben, was die anhaltende vulkanische Gefahr unterstreicht und die Bedeutung von Forschung und Katastrophenvorsorge einmal mehr ins Bewusstsein ruft.

Die Ausstellung

Die Reduktion der Herkulanerinnen auf bloße Kunstwerke wird somit ihrer historischen, kulturellen und menschlichen Bedeutung in keiner Weise gerecht und muss im Hinblick auf die Katastrophe, die sie verschüttet hat, geradezu als inhuman betrachtet werden.

Diese Statuen, die durch den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. konserviert wurden, sind nicht nur Ausdruck antiker Kunstfertigkeit, sondern auch Zeugen einer verheerenden Tragödie, die das Leben einer gesamten Gemeinschaft auslöschte.

Durch die ausschließliche Betrachtung der Statuen als künstlerische Objekte wird die menschliche Dimension ihres Kontexts ignoriert. Die Herkulanerinnen stammen aus einer Stadt, deren Bevölkerung unter dramatischen Umständen ihr Leben verloren hat. Sie sind Artefakte, die die gesellschaftlichen, religiösen und kulturellen Werte einer untergegangenen Welt repräsentieren und sollten nicht durch eine rein ästhetische Perspektive trivialisiert werden.

Eine solche isolierende Interpretation ist aus heutiger Sicht hochproblematisch, da sie die ethischen Verpflichtungen der Wissenschaft und des Museumswesens untergräbt.

Artefakte wie die Herkulanerinnen verdienen eine ganzheitliche Kontextualisierung, die sowohl die künstlerische als auch die historische und menschliche Dimension anerkennt. Dies würde auch dem Anspruch moderner Archäologie und Museologie gerecht, die Vergangenheit in ihrer Komplexität zu zeigen und respektvoll zu präsentieren.

Das Ausblenden des menschlichen Leidens, das mit dem Untergang Herculaneums verbunden ist, ist nicht nur historisch unverantwortlich, sondern führt auch zu einer Entfremdung, die dem eigentlichen Zweck der Erhaltung und Ausstellung solcher Artefakte widerspricht: der Förderung des Verständnisses und der Empathie für vergangene Kulturen und ihrer Menschen.

Die Statuen der Herkulanerinnen, die sich derzeit in der Skulpturensammlung im Zwinger in Dresden befinden, verdienen daher eine kontextualisierte Ausstellung, die sowohl die Ereignisse in der antiken Stadt Herculaneum als auch die Entwicklung der Archäologie beleuchtet.

Zum einen sollten dabei natürlich die Methoden der damaligen Schatzsuche und der Übergang zur modernen Archäologie aufgezeigt werden, die eng mit der Erforschung von Herculaneum verbunden ist.

Es sollte jedoch auch eine Einführung in die Geschichte der Stadt, ihre Zerstörung und ihre Konservierung durch pyroklastische Ströme erfolgen. Eine Darstellung der Umstände der Versenkung der Statuen, aber auch ihrer Entdeckung, ihrer Bergung und ihrer Reise nach Dresden sollte der Analyse der Werke selbst vorangestellt werden. Erst dann können ihre Funktion, künstlerische Techniken und ihre Bedeutung in der antiken Gesellschaft illustriert werden (worauf derzeit der einzige Fokus gelegt wird).

Die Präsentation der Statuen in einem Setting, das ihre ursprüngliche Umgebung in jenem noch heute unterirdischem, versunkenen Theater sowie die Beigabe zeitgenössischer Zeichnungen und Berichte über die Entdeckung ist daher unbedingt anzudenken.

© Alle Bilder von den Autoren, wenn nicht anders angegeben.

Bibliografie

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Daehner, Jens (Hrsg.): The Herculaneum women: history, context, identities. J. Paul Getty Museum, Malibu 2007, ISBN 978-0-89236-882-2.

Daehner, Jens, Knoll, Kordelia, Vorster, Christiane, Woelk, Moritz: Die Herkulanerinnen – Geschichte und Kontext antiker Frauenbilder. Hirmer, München 2008, ISBN 978-3-7774-3985-3.

Deiss, Joseph Jay: Herculaneum: Italy’s Buried Treasure. J. Paul Getty Museum, Los Angeles, 1989.

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Mattusch, Carol C.: „Rediscovering Herculaneum’s Villa of the Papyri.“ In: The Villa of the Papyri at Herculaneum: Life and Afterlife of a Sculpture Collection, Getty Publications, Los Angeles, 2005.

Muth, Stefan: Archäologie der Katastrophen: Herculaneum und der Vesuv. Böhlau Verlag, Köln, 2008.

Parslow, Christopher Charles: Rediscovering Antiquity: Karl Weber and the Excavation of Herculaneum, Pompeii and Stabiae, 2011.

UNESCO: Herculaneum Conservation Project Reports. Diverse Berichte, 2001–heute.

Wallace-Hadrill, Andrew: Herculaneum: Past and Future. Frances Lincoln, London, 2011.

Winckelmann, Johann Joachim: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Dresden, 1755.

Zanker, Paul: Pompeji: Stadtbild und Wohngeschmack. Verlag C.H. Beck, München, 1995.

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Endnoten

[i] Im Jahr 1709 stieß der Bauer namens Ambrogio Nocerino, genannt Enzechetta, bei den Arbeiten zur Erweiterung eines Brunnens für die Bewässerung seines Gartens, nahe der Kirche San Giacomo und des Waldes der Alcantariner Brüder, auf einige Stücke Marmor. Ein Handwerker im Dienst des Herzogs d’Elboeuf bemerkte dies und kaufte einige der Stücke, um in verschiedenen Kirchen von Neapel Kapellen auszustatten. Elbeuf erfuhr hiervon, erwarb den Brunnen und führte von 1709 bis 1711 eine erste, grobe Untersuchung der Funde durch, indem er unterirdische Tunnel anlegen ließ. Die Funde wurden in der nahegelegenen Villa d’Elboeuf aufbewahrt. Wie sich später herausstellte, hatte das Brunnenbauprojekt die Szene des Theaters von Herculaneum durchbrochen, welches anfänglich fälschlicherweise als der Tempel des Herkules identifiziert wurde. Es wurde jedoch bald klar, dass die Ruinen der antiken Stadt gehörten, die bei der Vesuv-Eruption von 79 n. Chr. unterging. Die Ausgrabungen wurden auf Wunsch der örtlichen Behörden eingestellt, die mögliche Schäden an den darüber liegenden Gebäuden befürchteten. Während der ersten Ausgrabung, die die Bühnenwand, das Bühnenhaus und einen Teil der Tribünen des Theaters betraf, wurden Marmorsäulen aus afrikanischem Marmor, Alabaster und gelbem Marmor, ein Architrav, der einen Konsul aus dem Jahr 38 v. Chr. (Claudius Pulcher) lobte, Terrakotta-Dolien und neun Statuen entdeckt, davon acht Frauenfiguren und eine Statue eines nackten Mannes in heroischer Pose, von denen einige noch in ihren Nischen standen. Einige dieser Statuen wurden geborgen. Drei – die Herkulanerinnen – wurden nach Wien gesandt, andere später in die königliche Residenz von Portici verbracht.

[ii] Resina wurde erst später in Ercolano umbenannt. Winkelmann argumentierte, dass es sich bei Resina = Rectina um den Ort handeln könnte, den Plinius der Jüngere in seinem ersten Brief an Tacitus erwähnt und der oft als Name einer Frau missverstanden wird. Während dem teils widersprochen wird, halten wir diese Verbindung für durchaus richtig.

[iii] Insbesondere das Buch ‚Le Antichità di Ercolano Esposte‘ (Die ausgestellten Antiquitäten von Herculaneum) ist ein achtbändiges Werk mit Kupferstichen der Funde aus den Ausgrabungen der Ruinen von Herculaneum im damaligen Königreich Neapel (heute Italien). Es wurde zwischen 1757 und 1792 veröffentlicht, und Exemplare davon wurden an ausgewählte Empfänger in ganz Europa versandt. Trotz des Titels zeigt das Buch Objekte aus allen Ausgrabungen, die die Bourbonen um den Golf von Neapel unternahmen. Dazu gehören Pompeji, Stabiae und zwei Stätten in Herculaneum: das damalige Resina (heute Ercolano) und Portici. Das Buch gab der neoklassischen Bewegung in Europa Impuls, indem es Künstlern und Dekorateuren Zugang zu einem Fundus hellenistischer Motive verschaffte.

[iv] Siehe zu den Umständen des Fundes das exzellente Buch von Christopher Charles Parslow, Rediscovering Antiquity: Karl Weber and the Excavation of Herculaneum, Pompeii and Stabiae, 2011

[v] The Large and The Small Herculaneum Woman, Universita Ca‘ Foscari, Venezia, Doctoral Thesis 2014–2015, Angeliki Ntontou

[vi] Bei einer jüngsten Ausgrabung in der Villa der Papyri wurde zum Beispiel eine Truhe voller Textilien gefunden, die aufgrund der drohenden Konservierungskosten erneut im feuchten Tuff begraben wurde.

[vii] Eine wissenschaftliche Konferenz hat sich in Herculaneum mit der Frage befasst, ob die Villa der Papyri noch eine weitere, wesentlich umfangreichere Bibliothek verbergen könnte. Die bisher gefundenen Papyri der Villa umfassen eine Spezialsammlung eines Schülers von Epikur. Es kann jedoch in der Tat vermutet werden, dass die wahrscheinlich kaiserliche Villa eine vollständigere Bibliothek enthielt. Bis heute sind nur das obere Stockwerk und ein Teil Fassade erkundet und selbst dies zumeist nur durch Tunnel. Der Grund ist die extreme Instabilität des vom Einschlag der Lavawelle zerbrochenen Gebäudes.

[viii] Winkelmann schrieb in seiner einflussreichen Schrift ‚Gedancken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst‘ von 1755 (2. Aufl. 1756) die von Prinz Eugen veranlasste Inszenierung der antiken Statuen in dem Wiener Schlossbau wie folgt: „Dieser große Kenner der Künste, um einen vorzüglichen Ort zu haben, wo dieselben könnten aufgestellet werden, hat vornehmlich für diese drei Figuren eine Sala terrena bauen lassen, wo sie nebst einigen andern Statuen ihren Platz bekommen haben.“

[ix] Der sächsische Kurfürst Friedrich August II. erwarb die drei Herkulanerinnen für seine Antikensammlung aus dem Nachlass Eugen von Savoyens 1736/37. Sie sind heute Teil der Staatlichen Kunstsammlungen Dresdens. Die Verbringung von Wien nach Dresden wurde von Winckelmann beschrieben: „Die ganze Akademie und alle Künstler in Wien waren gleichsam in Empörung, da man nur noch ganz dunkel von derselben Verkauf sprach, und ein jeder sahe denselben mit betrübten Augen nach, als sie von Wien nach Dresden fortgeführet wurden.“ Johann Joachim Winckelmann: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst. Waltherische Handlung, Dresden und Leipzig 1756

[x] Roque Joaquín de Alcubierre wurde am 16. August 1702 in Saragossa geboren. Er studierte in seiner Heimatstadt, bevor er als Freiwilliger in das Ingenieurkorps der Armee eintrat und in Girona, Barcelona, Madrid und anderen spanischen Städten diente. Während er am Bau des neuen Palastes von König Karl III. von Neapel in Portici arbeitete, wurde er auf die Ausgrabungen Elbeufs aufmerksam. Im Jahr 1738 erhielt er die Erlaubnis des Königs, weitere Grabungen durchzuführen. Bei diesen entdeckte er eine Herkulesstatue und das bereits von Elbeug entdeckte antike Theater. Im weiteren Verlauf der Ausgrabungen wurden über 200 Fresken und Statuen gefunden, die im Nationalmuseum von Neapel aufbewahrt werden. Später übernahm der Schweizer Karl Weber die Grabungen und begann, wesentlich geordneter vorzugehen. Alcubierre war auch in die Ausgrabungen von Pompeij und Stabbiae involviert. Er starb am 14. März 1780 in Neapel.

[xi] Siehe Parslow, Christopher Charles: Rediscovering Antiquity: Karl Weber and the Excavation of Herculaneum, Pompeii and Stabiae, 2011.

[xii] Kaiser Titus hatte, wie Sueton berichtet, eine Kommission zur Bergung eingesetzt und man vermutet, dass einige der Statuen in den Caracalla-Thermen aus Herculaneum stammen. Eine Inschrift ‚ex abditis locis‘ weist hierauf hin.

[xiii] Johann Joachim Winckelmann, Sendschreiben von den Herculanischen Entdeckungen. Herculanische Schriften I, hrsg. von Stephanie-Gerrit Bruer, Max Kunze (Mainz 1997); Nachrichten : Johann Joachim Winckelmann, Nachrichten von den Herculanischen Entdeckungen. Herculanische Schriften II, hrsg. von Stephanie-Gerrit Bruer, Max Kunze (Mainz 1997)

Johann Joachim Winckelmann, der Begründer der Klassischen Archäologie, lebte seit 1755 in Rom. Bereits zu Beginn seines Aufenthalts besuchte er Villen, Paläste und Sammlungen antiker Kunstwerke, um sie zu studieren und Material für sein einflussreichstes Werk, die ‚Geschichte der Kunst des Altertums‘ (Dresden 1764), zu sammeln. Zwischen 1758 und 1767 reiste Winckelmann viermal nach Neapel, das damals zum Reich der spanischen Bourbonen gehörte, sowie zu den antiken Stätten Herculaneum und Pompeji, wo die Ausgrabungen 1738 beziehungsweise 1748 begonnen hatten. Die bei diesen Grabungen entdeckten Artefakte wurden im königlichen Sommerpalast in Portici aufbewahrt. Winckelmann gelang es, diese Sammlungen zu sehen, was nur wenigen vergönnt war. Dabei musste er sich jedoch heimlich mit Hilfe von Freunden oder durch Bestechung Zugang verschaffen. Dies war nicht nur seiner Anstellung beim Papst geschuldet, sondern auch der Tatsache, dass seine scharfen Kommentare über die Ausgrabungsmethoden und frühere Publikationen Missfallen bei den Verantwortlichen erregt hatten.

Winckelmann veröffentlichte seine Beobachtungen in der damals beliebten Form ausführlicher Briefe, darunter an den Grafen von Brühl in Dresden und an J.H. Fuessli in Zürich. Diese Schriften machten die Ausgrabungen und Funde erstmals einer breiteren Öffentlichkeit in Nordeuropa bekannt und hatten enorme Auswirkungen: Sie lösten eine Welle der Begeisterung aus, die alle Lebensbereiche durchdrang. Frauen trugen Kleider im antiken Stil, Möbel und Geschirr im Pompejanischen Stil wurden modern, und pompejanische Wandmalerei kam in Mode. Dank der beginnenden Massenproduktion, etwa durch die Erfindung der Tapete, wurden diese Zeichen von Kultur und Bildung auch für bürgerliche Haushalte erschwinglich.

In deutscher Sprache sind diese Werke von St.-G. Bruer und M. Kunze in den Bänden 2.1 und 2.2 (1997) der kommentierten Gesamtausgabe von Winckelmanns Werken erschienen: Johann Joachim Winckelmann, Schriften und Nachlaß. Teil 3 dieser „Herkulanischen Schriften“, herausgegeben von A. H. Borbein und M. Kunze (2001), enthält die Briefe, Entwürfe und Rezensionen zu den herkulanischen Schriften und ermöglicht es, Winckelmanns Arbeitsprozess und die zeitgenössische Resonanz zu verfolgen.

[xiv] Er behandelt bereits in wissenschaftlicher Weise die antiken Stätten, deren Zerstörung und Wiederentdeckung, und geht dann auf die Funde ein.

[xv] Er war offiziell dem Schweizer Historiker und Politiker Johann Heinrich Fuessli gewidmet, aber für die Öffentlichkeit bestimmt. Fuessli war ein persönlicher Freund Winckelmanns, der ihn auf seiner dritten Reise nach Herculaneum begleitet hatte.  Der Brief knüpft an den vorhergehen Brief an und vertieft viele Funde, die im früheren Werk nur summarisch behandelt wurden. Das Theater von Herculaneum und seine architektonische Struktur werden ausführlich behandelt, ebenso wie antike Texte über Theater, Bühne und Dramaproduktion. Winckelmann beschreibt auch das Haupttor von Pompeji, Grabmonumente außerhalb der Stadt sowie mehrere Wohnhäuser mit Wandmalereien. Außerdem fügt er detaillierte Diskussionen zu Statuen und Porträts hinzu, die bereits im Brief erwähnt wurden, aber nicht in sein Hauptwerk, die ‚Geschichte der Kunst des Altertums‘ (Dresden 1764), aufgenommen werden konnten.

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