Bolsover Castle in England wurde von der Familie Cavendish entworfen, einer bedeutenden Grundbesitzerfamilie in Derby- und Nottinghamshire, die auch prächtige Häuser in Chatsworth im Peak District, Welbeck in Nottinghamshire und Hardwick in Derbyshire errichtete.
Ein bemerkenswertes Mitglied dieser Familie war der Universalgelehrte und Rittmeister William Cavendish (1592–1676). Als Höfling von James I. und Freund sowohl von Charles I. als auch von Charles II. bewegte sich William in elitären Kreisen. Seine Titel umfassten Viscount of Mansfield (1620) und Earl of Newcastle-upon-Tyne (1628), später Marquess (1643) und schließlich Herzog (1665) von Newcastle. Heutzutage ist er in England als „Vater der Reitkunst“ bekannt.
Schon in jungen Jahren waren Pferde für William wichtig – seine Familie hielt und trainierte Pferde auf hohem Niveau in Welbeck Abbey, ihrem Landsitz in Nottinghamshire. In den 1630er Jahren hegte William Ambitionen, zum Royal Master of Horse zu werden. Zu dieser Zeit errichtete er die Reitschule von Bolsover, eine Gruppe von vier Gebäuden, darunter ein Hufbeschlagraum und eine Schmiede, Ställe und die Reithalle, in der William seine Pferde trainierte.
Seine Reithalle in Bolsover Castle ist wahrscheinlich die älteste noch bestehende in der Welt. Und es scheint, sie ist auch die verwunschenste.



Ort der Gespenster
Bolsover Castle führt mit Abstand die Liste der zehn gruseligsten Schlösser Englands an. Sie wurde von English Heritage erstellt, das seinee 1.800 Mitarbeiter in über 400 Burgen und Klöstern, historischen Häusern und Palästen abstimmen liess.
Und siehe da: Bolsover Castle ist auf einem alten Friedhof erbaut und gibt den Blick auf eine Stadt frei, die als „die satanische Hauptstadt Britanniens“ beschrieben wurde. Das außergewöhnliche aristokratische Haus aus dem 17. Jahrhundert hat daher seit langem einen schlechten Ruf. Mitarbeiter berichteten von mysteriösen Schritten und gedämpften Stimmen, zuschlagenden Türen, Kälteempfindungen und sogar Berührungen. Nachtwächter wurden durch unerklärliche Lichter alarmiert, während ein kleiner Junge beobachtet wurde, wie er die Hände von Besuchern hielt, während sie über die Anlage gingen, ohne dass seine lebenden Begleiter wussten, dass er an ihrer Seite war. Als eine Mitarbeiterin eines Nachts spät abschloss, hörte sie einen Schrei, der lauter wurde, je weiter sie sich von der Burg entfernte, nur um zurückzueilen und niemanden dort zu finden.
Und anscheinend gibt es diese Probleme schon seit Beginn der Bauarbeiten. Und der Herzog von Newcastle wusste vielleicht davon…
Ein abergläubischer Rittmeister
Im ausgehenden Mittelalter war Aberglauben überall präsent. William, Herzog von Newcastle, war anscheinend völlig davon besessen und vielleicht geschah ihm ja ähnliches wie den heutigen Verwaltern. Eine jüngste Studie des Derbyshire & Nottinghamshire Medieval Graffiti Survey durch den Archäologen Matt Beresford hat daher Erstaunliches zu Tage gebracht.
Seit 2016 hat er Hunderte von Graffiti in Bolsover erfasst, darunter Dutzende von Schutzzeichen, die größtenteils an sehr spezifischen Stellen oder Zugangspunkten gruppiert sind. Zum Beispiel sind im hinteren Treppenhaus des Little Castle mehrere Türen mit einem Symbol auf genau gleicher Höhe auf beiden Seiten des Rahmens geschützt, als ob sie eine unsichtbare Schutzbarriere schaffen würden. Dies sind im Allgemeinen Hexenzeichen oder teilweise Kompasskreise, obwohl auch Maurerzeichen dabei sein können.
Sogar in William Cavendishs Toilettenkabine in der Ecke seines Schlafzimmers (dessen winziges Fenster auf die Reitschule blickt) sind mehrere Kompasskreise und Hexenfuß-Designs gefunden worden. Böse Geister scheinen durch jedes erdenkliche Portal in ein Gebäude einzudringen. Es erstaunt daher nicht, dass es als eines der verwunschensten Gemäuer Englands bekannt ist.
Die faszinierendsten Schutzsymbole wurden jedoch in Cavendishs Reitschule entdeckt. Und sie scheinen speziell dort angebracht worden zu sein, um die Pferde vor bösen Geistern zu schützen.
Hufschmiede
Im Erdgeschoss sind beide Bereiche frei von Graffiti, ebenso wie die beiden Räume im zweiten Stock. Im ersten Stock, der zwei Zimmer beherbergt haben soll, die als Unterkunft für Knechte oder Williams Stallmeister dienten, war die Suche jedoch fruchtbarer. Zwei kleine, teilweise Kreise befanden sich am Türrahmen zum ersten Raum, und im Raum selbst wurden sechs (möglicherweise sieben) doppelte V-Hexenzeichen auf der rechten Seite des Fensterrahmens eingeritzt.
Geheimnisvolle Ritzungen waren auch im zweiten Raum zu sehen, wo eine Reihe von eingeritzten ‚Zählstrichen‘ auf der rechten Seite des Fensterrahmens zu finden sind. Es ist nicht sicher, dass Zählstriche Schutzsymbole darstellen (vielleicht zählte man auch nur, wie oft man vom Pferd fiel), aber eine zeitgenössische deutsche Illustration eines Hexensabbats aus dem 17. Jahrhundert zeigt deutlich sowohl Zählstriche als auch doppelte V-Symbole auf einem Kaminbalken, die dort angebracht worden waren, um eine Hexe daran zu hindern, über den Schornstein ins Gebäude zu gelangen. Was jedoch besonders interessant ist, ist, dass beide Räume in Bolsover und der Flur ebenfalls nach Süden gerichtete Fenster haben, aber keines davon mit Graffiti geschützt ist.
Warum nur der nördliche Gebäudebereich Schutz benötigte, bleibt rätselhaft und widerspricht dem, was wir in mittelalterlichen Kirchen oft sehen, wo es normalerweise das Südportal ist, das mit schützendem Graffiti versehen ist. Aber Aberglaube hat vielleicht keine völlig festen Regeln.
Stall, 17. Jahrhundert
Aufgrund der Entfernung der Stallboxen konnte nur an der Holztür, die von den Ställen zur Reitschule führt, ein großes, kompassgezeichnetes ‚doppeltes Kreis‘-Zeichen gefunden werden. Es deutet jedoch darauf hin, dass in diesem Bereich früher ebenfalls weitere Symbole vorhanden waren.



Reitschule
In der Reithalle selbst wurde eine Vielzahl von schützenden Graffiti mit insgesamt 20 Markierungen gefunden. Dazu gehörten Hexenräder/Gänseblümchenräder (7), Kompasskreise (6), Pentagramme (3), Zählzeichen (1), Sternschnuppen (1), ‚X‘-Motive (1) und Netzdesigns (1).
Alle drei Türen der Reitschule hatten einen eingeritzten Kompasskreis an der Tür oder am Rahmen (wobei die Westtür auch ein dreifaches ‚X‘-Design zeigte), und sechs der neun Fenster trugen ebenfalls Schutzzeichen. Zwei davon hatten besonders beeindruckende Zeichengruppen: Fenster drei (im Uhrzeigersinn von der Westtüre aus nummeriert) hatte zwei Hexenräder/Gänseblümchenräder, einen Pentgramm, einen Kompasskreis und eine Gruppe von Zählmarken, während Fenster fünf mit drei Hexenrädern/Gänseblümchenrädern markiert war.
Die Fülle, Qualität und Vielfalt der Schutzzeichen in diesem Teil des Gebäudes ist erstaunlich, insbesondere wenn man bedenkt, dass sich mehrere Beispiele in einer Höhe von etwa 3,5 bis 3,7 Metern über dem Boden befinden. (Die Fenster wurden absichtlich hoch in den Wänden eingebaut, damit die Pferde während ihres Trainings nicht von Außenansichten abgelenkt würden.)
Am faszinierendsten ist jedoch ihre Verteilung. Jedes Stück schützendes Graffiti befindet sich an oder um eine Tür oder ein Fenster herum – ein Fall von ’spirituellem Verbarrikadieren‘ eines Raums gegen böse Geister.
Die Lage einiger Symbole und die Schwierigkeit, sie in solcher Höhe zu erreichen, geschweige denn genau einzuritzen, lassen vermuten, dass sie erstellt wurden, als der Raum gebaut wurde und bevor die Steine an Ort und Stelle gesetzt wurden. Wenn dem so ist, zeigt dies eine absichtliche und bewusste Planung und ist auch einer der wenigen Fälle, in denen die Archäologen historische Graffiti genau datieren können, da man weiß, dass die Reitschule Anfang der 1630er Jahre gebaut wurde.
Interessanterweise scheint sich die gleiche Situation auch in Knole Castle zu wiederholen – dort waren Schutzsymbole auf hölzerne Balken geschnitzt worden, während sie sich noch auf dem Schreinerhof befanden und bevor sie im Gebäude platziert wurden.

Interpretation
Die doppelten V-Markierungen bedeuten wahrscheinlich „Virgo Virginum“ in den vorreformatorischen (d.h. katholischen) Gebeten, die den englischen Gläubigen dieser Zeit vertraut waren. Tatsächlich bemerkt Lucy Worsley in ihrem Buch über William Cavendish, „Cavalier“, dass die Familie Krypto-Papisten waren – scheinbar öffentlich protestantisch, praktizierten sie hinter verschlossenen Türen den Katholizismus weiter. Vielleicht repräsentieren die doppelten Vs in Bolsover daher physische Beweise für diese Anhänglichkeit an den alten Glauben.
Interessanterweise sind Kompasskreise und Hexfoils in allen möglichen Gebäuden zu finden, aber ihr häufigster Einsatz erfolgt in landwirtschaftlichen Gebäuden und Ställen. Es überrascht daher nicht, dass 65% der Schutzzeichen in der Reitschule diese Zeichen verwenden. Ihre Bedeutung wird noch immer intensiv debattiert – Interpretationen reichen von Sonnenrädern und Rädern der Katharina bis zu Glücksrädern und Schutz vor dem bösen Blick. Was jedoch klar ist, ist, dass sie verwendet wurden, um gegen bösartige Geister und insbesondere gegen Hexen zu schützen.
In der englischen Folklore glaubt man, dass Pferde von Hexen ‚geritten‘ werden: Hexen nehmen das Tier und reiten es nachts – wenn ein Pferd morgens schweißgebadet gefunden wurde, galt dies als Zeichen dafür, dass es auf diese Weise ‚ausgeliehen‘ worden war. Das Anbringen von Schutzsymbolen an Türen, Fenstern und Schornsteinen sollte somit verhindern, dass die Hexe Zugang erhielt und das Pferd stahl.
Ein weiteres häufig verwendetes Schutzsymbol, das speziell gegen Hexen eingesetzt wurde, ist das ‚X‘-Design. Dies findet sich oft an sogenannten ‚Hexenpfosten‘, die sich in der Nähe des Kamins in vielen alten Häusern und Hütten befinden. Das X ist anscheinend ein Symbol, das die Hexe buchstäblich daran hindert, einzutreten, so wie wir eine X-förmige Absperrung mit Klebeband über eine Tür aufstellen würden, die wir nicht betreten wollen. Es ist keine physische Barriere, aber die Symbolik des Designs hindert uns am Eintreten.
Der fünfzackige Stern, das Pentagramm, und die Kompass-Kreise, die an drei Fenstern in Bolsovers Reitschule gefunden wurden, werden ebenfalls oft mit dunkler Magie in Verbindung gebracht. Ein Beispiel findet sich in Goethes Faust, wo Mephisto erst über due Schwelle treten kann, nachdem Faust das Pentagramm verwischt hat.
Verweise darauf finden sich auch in „Sir Gawain und der Grüne Ritter“ aus dem 14. Jahrhundert, in dem Gawain ein Pentagramm auf seinen Schild malt, um sich gegen den Grünen Ritter zu schützen. Angesichts seiner Verwendung in nachmittelalterlichen Gebäuden muss die Potenz des Symbols durch die Jahrhunderte hindurch fortbestanden haben.
Die Bandbreite historischer Schutzzeichen in Bolsover ist beeindruckend – dennoch könnten dies nur ein Bruchteil der Apotropaics sein, die einst verwendet wurden, um die Pferde sicher zu halten. Andere Praktiken der Zeit umfassten das Aufhängen von Kräutern, Zweigen oder Hufeisen, das Platzieren von Hexensteinen (kleine Steine mit einem Loch); oder Tropfenverbrennungen an den hölzernen Stallbefestigungen – physische Symbolik, die, wenn sie denn angewendet wurde, die Restaurierung/Renovierung seit dem 17. Jahrhundert nicht überstanden hat.
Die noch vorhandenen Graffiti sind jedoch ein wichtiges Zeugnis der Ängste und Glaubenssysteme, die einst in allen Gesellschaftsschichten existierten, vom einfachen Bauern bis hin zu Mitgliedern des Königlichen Hofes und sogar dem König selbst. Es ist ein Glaubenssystem, das uns heute möglicherweise fremd erscheint, für unsere Vorfahren jedoch sehr real war.
Sie auch: Timothy Easton, „Physical Evidence for Ritual Acts, Sorcery and Witchcraft in Christian Britain“ (2016)

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