Von der Unfähigkeit des Menschen, sich auf Katastrophen vorzubereiten

„Die meisten Katastrophen kommen überraschend. Bei einigen ist das nicht der Fall. Wie etwa beim Vesuv.“

Seit Jahrhunderten wissen die Menschen, dass der Vesuv immer wieder ausbrechen kann. Geologen überwachen ihn, messen Erdbeben und Bodenbewegungen und rekonstruieren seine vergangenen Eruptionen. Und trotzdem leben Millionen Menschen in seinem Gefahrengebiet. Ihre Häuser kriechen jedes Jahr weiter seine Hänge empor. Neapel ist groß. Und eng bebaut.

Noch komplizierter wird die Sache durch die Phlegräischen Felder: ein zweites vulkanisches System liegt unmittelbar vor den Toren Neapels, dessen Boden sich hebt, senkt und immer wieder von Erdbebenschwärmen erschüttert wird. So wie auch diesen Sommer, am 1. August 2026.

Was geschieht, wenn eine Katastrophe nicht deshalb gefährlich ist, weil wir sie nicht kommen sehen – sondern weil wir sie kommen sehen und trotzdem weiterleben, als wäre nichts?

Genau diese Frage macht U. C. Ringuers Held Alcantres in „Vesuv“ zu schaffen. Und macht das Buch zu mehr als einem historischen Thriller. … Zu einem erstaunlich aktuellen Weltroman in dem es nicht nur um Vulkane geht. Natürlich nicht. Ein Berg wird zur Metapher.

Mit „Vesuv“ legt U. C. Ringuer einen außergewöhnlichen historischen Thriller vor: wissenschaftlich recherchiert, archäologisch fundiert und zugleich erschreckend gegenwärtig.

79 n. Chr. kennt jeder, der sich auch nur ein wenig für Archäologie interessiert. Der Vesuv bricht aus. Pompeji und Herculaneum verschwinden unter Asche und vulkanischen Ablagerungen. Eine Katastrophe, die beinahe zweitausend Jahre später noch immer fasziniert – nicht zuletzt, weil sie eine antike Gesellschaft in einem einzigartigen Augenblick konserviert hat.

Aber 79 war keineswegs der erste große Ausbruch des Vesuvs. Um etwa 1900 v. Chr. verwüstete bereits die noch gewaltigere Avellino-Eruption große Teile der Region. Und auch danach blieb der Vesuv immer aktiv. 1631 kam es zu einer weiteren gewaltigen Eruption, bei der nach historischen Schätzungen etwa 4.000 Menschen starben. Der Vesuv ist und bleibt eine tödliche Gefahr.

In den weniger bekannten Phlegräischen Feldern nördlich von Neapel liegt eine zweite, riesige vulkanische Caldera mit zahlreichen Eruptionszentren. Vor rund 40.000 Jahren ereignete sich dort die Campanian-Ignimbrite-Eruption, eine der gewaltigsten bekannten Eruptionen der Erdgeschichte. Vor etwa 15.000 Jahren folgte eine weitere massive Eruption. 1538 entstand sogar ein neuer Vulkan, der Monte Nuovo, innerhalb weniger Tage.

Alles das nahe Neapel. Einer Stadt in deren Umkreis 6 Millionen Menschen leben. Das Faszinierende an Ringuer ist, dass sie solche Fakten nicht als Lehrbuchwissen präsentiert. Sie verwandelt sie in Spannung. Auch für uns Normalbürger. Und sie fragt – was, wenn?

Wenn Wissenschaft zum Thriller wird

U. C. Ringuer hat sich bereits mit ihren früheren Arbeiten einen besonderen Platz zwischen Archäologie und Unterhaltung erarbeitet. Ihre Bücher entstehen nicht aus der üblichen Vorstellung vom „historischen Flair“, sondern aus intensiver Beschäftigung mit archäologischen Quellen, historischen Rätseln und wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Das merkt man „Vesuv“ auf jeder Seite an.

Die Autorin vulgarisiert wissenschaftliche Forschung – im besten Sinn des Wortes: Sie macht komplexes Wissen einem breiten Publikum zugänglich, ohne es zu banalisieren.

Ein archäologischer Befund wird zum Hinweis. Eine historische Quelle wird zum Rätsel. Eine wissenschaftliche Hypothese bekommt plötzlich eine dramatische Bedeutung.

Und der Vesuv ist dafür der perfekte Schauplatz. Denn dieser Berg hat eine besondere Eigenschaft: Er hat bereits bewiesen, dass er ganze Gesellschaften innerhalb kürzester Zeit auslöschen kann.

Beunruhigend ist jedoch, dass wir heute nicht mehr nur in die Vergangenheit schauen müssen.

Zwischen 1982 und 1984 hob sich der Boden des Ortes Pozzuoli bei Neapel um rund 1,85 Meter. Ende 1983 wurde ein großer Teil der Stadt evakuiert. Seit 2005 befindet sich das Gebiet erneut in einer Phase des sogenannten Bradyseismus. Der Boden hebt und senkt sich, Erdbebenschwärme treten auf. 2024 wurde ein Erdbeben der Magnitude 4,4 registriert, 2025 eines der Magnitude 4,6. Im August 2026 folgte ein starkes Beben der Magnitude 4,7.

Schauen Sie auf die Webseite des Vesuv Observatoriums. Sicherlich gab es auch an diesem Tag, an dem Sie das hier lesen, erneut Erdbeben.

Das sind keine Szenen aus einem Thriller. Das ist die Realität.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob der Vulkan gefährlich ist. Ringuer stellt eine viel größere Frage: Was tun wir, wenn wir wissen, dass eine Katastrophe kommt – aber nicht wissen, wann?

Für die Region Neapel – eine der großen europäischen Metropolen – gibt es Notfall- und Evakuierungspläne. Im Ernstfall sollen die Menschen innerhalb von 72 Stunden aus dem Gefahrengebiet gebracht werden.

Auf dem Papier klingt das vernünftig. In der Realität bedeutet es: Hunderttausende Betroffene, Hunderttausende Fahrzeuge, eine der am dichtesten besiedelten Regionen Europas – und ein Vulkan, der keine Rücksicht auf Verkehrsplanung nimmt. Und dessen Ausbruch im Jahr 79 nur 19 Stunden brauchte.

Genau an diesem Punkt wird aus einem historischen Thriller ein Gegenwartsroman.

Denn die Katastrophe, über die Ringuer schreibt, ist nicht nur vulkanisch. Sie wird zur Metapher für unseren Umgang mit Risiken.

  • Wir wissen, dass Pandemien möglich sind.
  • Wir messen Erdbeben.
  • Wir modellieren den Klimawandel.
  • Wir beobachten Vulkane.
  • Wir beginnen, über die Risiken künstlicher Intelligenz zu diskutieren.
  • Wir verfügen über mehr Daten, Modelle und wissenschaftliche Erkenntnisse als jede Zivilisation vor uns.

Und trotzdem bleibt eine fundamentale Schwäche: Wir sind hervorragend darin, auf Katastrophen zu reagieren. Wir sind wesentlich schlechter darin, uns auf Katastrophen vorzubereiten, die vielleicht erst eintreten, wenn die heute Verantwortlichen nicht mehr verantwortlich sind.

Genau darin liegt die eigentliche Spannung von „Vesuv“. Nicht in der Frage, ob etwas passieren wird. Sondern in der Frage, was eine Gesellschaft mit einer Gefahr macht.

Archäologie, die plötzlich Gegenwart wird

Damit gelingt U. C. Ringuer etwas, das anspruchsvolle historische Romane nur selten schaffen: Sie benutzt die Vergangenheit nicht als Flucht aus der Gegenwart.

Sie benutzt sie als Spiegel.

Pompeji ist bei ihr nicht einfach eine Ruinenstadt. Es ist ein Warnsignal.

Die Archäologie liefert nicht nur Kulisse, sondern Erkenntnis. Was unter der Erde gefunden wird, erzählt etwas darüber, wie Menschen früher mit Katastrophen lebten – und darüber, wie wir selbst heute mit ihnen umgehen.

Das macht „Vesuv“ auch für Leser interessant, die normalerweise keine historischen Thriller lesen. Denn hinter dem Abenteuer steckt eine wissenschaftlich fundierte Frage von erstaunlicher Aktualität: Kann eine Zivilisation sich auf eine Katastrophe vorbereiten, deren Zeitpunkt niemand kennt?

Ringuer gibt darauf keine bequeme Antwort. Und genau deshalb funktioniert der Roman.

Ein Buch, das man liest. Und das man nicht vergisst. Auch aufgrund des modernen Sherlock Holmes in Form von Professor Alcantres.

„Vesuv“ erscheint am 5. November.

U. C. Ringuer, „Alcantres – Vesuv“.
Erscheint am 5. November – jetzt vorbestellbar.

Das Buch, über das man sprechen wird.

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